Die Econitor Besserwisser: Was Sie schon immer über Energiesparen und Klimaschutz wissen wollten. Oder sollten.

Warum gibt es negative Strompreise?

Immer öfter wird in den Medien von negativen Strompreisen berichtet. In diesem Zusammenhang fallen Begriffe wie „Windenergie“ „Erneuerbare Energien“ und „Stromnetz“. Wie hängen diese Begriffe zusammen und was genau sind die Ursachen für negative Strompreise?

Negative Strompreise entstehen, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraumes mehr Strom zur Verfügung steht als benötigt wird: In einer solchen Situation findet sich kein Käufer, der bereit ist, für den überschüssigen Strom zu zahlen, wodurch der Strompreis immer weiter sinkt. Diese Talfahrt hält so lange an, bis sich ein Abnehmer für den Strom gefunden hat. Dieser erhält dann Geld dafür, dass er den Strom verbraucht.

Gab es schon immer negative Strompreise und was macht sie für Energieversorger attraktiv?

Negative Strompreise sind an Strombörsen ein relativ neues Phänomen: So führte die Leipziger Energiebörse EEX (European Energy Exchange) 2008 als erste Strombörse Europas offiziell negative Strompreise ein. Auf den ersten Blick erscheint eine solche Entscheidung als Nachteil für Stromproduzenten, da diese ja ein Verlustgeschäft machen, indem sie andere für die Abnahme ihres Stroms bezahlen.

Eigentlich lösen negative Strompreise aber ein grundlegendes Problem unserer Stromversorgung, die aktuell überwiegend durch konventionelle Großkraftwerke gesichert wird: Denn diese können aus technischen Gründen bei sinkender Stromnachfrage nicht einfach ab- und wieder angeschaltet werden. Somit reagiert unser Stromnetz trotz eines steigenden Anteils an erneuerbaren Energien immer noch unflexibel auf eine sinkende Stromnachfrage.

Für die Energieversorger ist es immer noch billiger, die Abnahme ihres Stroms zu subventionieren, als Großkraftwerke herunterfahren zu lassen, was mehrere Stunden dauern kann. Solche Kraftwerke können zudem nicht einfach schnell wieder hochgefahren werden. Daher wundert es nicht, dass der Wunsch nach negativen Strompreisen von den Kraftwerksbetreibern selbst geäußert wurde.

Warum kommt es regelmäßig zu einer Überproduktion an Strom?

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz sorgt dafür, dass Strom aus regenerativer Energie vorrangig ins Stromnetz eingespeist wird. Die Stromproduktion aus regenerativen Quellen ist aber oft natürlichen Schwankungen unterworfen: So wird etwa wenig Wind- bzw. Sonnenenergie produziert, wenn kaum Wind weht und der Himmel bewölkt ist, umso mehr hingegen, wenn es stürmt und die Sonne tagelang scheint.

Das bedeutet, dass mal mehr, mal weniger Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung steht. Problematisch ist das „mehr“: Noch fehlt es an adäquaten Stromspeichern, der grüne Strom muss also meist direkt ins Netz eingespeist werden. Da Strom aus regenerativen Quellen im Stromnetz “Vorfahrt” hat, müssten bei einem hohen Ökostrom-Anteil an der gesamten Stromerzeugung eigentlich bestimmte Großkraftwerks-Kapazitäten abgeschaltet werden, um die Stabilität des Netzes nicht zu gefährden.

Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien wird es immer häufiger zu negativen Strompreisen kommen. Volkswirtschaftlich gesehen ist dies auf Dauer nicht tragbar, da die durch negative Strompreise entstehenden Verluste zum größten Teil über die EEG-Umlage von den Verbrauchern bezahlt werden.

Negative Strompreise: Wie kann das Problem gelöst werden?

Abhilfe schafft einerseits der Ausbau des Stromnetzes zu einem sogenannten intelligenten Stromnetz (Smart Grid), das deutlich flexiblere Steuerungsmöglichkeiten als das jetzige bietet. Diese sind eine Grundvoraussetzung für eine Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Energien.

Andererseits müssen die bestehenden Speicherkapazitäten deutlich ausgebaut werden: Um den Strom aus schwankenden regenerativen Quellen bei Bedarf speichern zu können, sind effiziente und bezahlbare Stromspeicher unabdingbar. Es existieren zwar bereits verschiedene Pilotprojekte, deren unzureichende Speicherkapazität und hoher Preis sie aber ökonomisch unattraktiv machen. Sollte sich dies innerhalb der nächsten Jahre ändern, könnten sich Stromspeicher als wirksames Mittel gegen negative Strompreise etablieren. Denn in einem solchen Fall wäre es für Stromproduzenten billiger, Strom zu speichern, als diesen zu negativen Preisen zu verkaufen.

Zusätzlich empfiehlt sich eine stärkere Einbindung von Unternehmen in den Ausbau der Speicherkapazitäten, die bereits heute über speicherfähige Anlagen verfügen, etwa Supermarktketten mit ihren Kühleinrichtungen oder Betreiber von Kühlhäusern.

Mit einem Verzicht auf den Bau neuer Grundlastkraftwerke sowie dem Ausstieg aus der Atomkraft und letztendlich auch aus der Energieerzeugung mittels Kohle ließe sich zukünftig nicht nur den Ausbau der erneuerbaren Energien fördern, sondern auch negativen Strompreisen entgegenwirken. Denn dies würde bei steigender Stromproduktion aus regenerativen Quellen immer weniger Konflikte mit Großkraftwerken bedeuten. Das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) geht davon aus, dass erneuerbare Energien bereits in zehn Jahren den gesamtdeutschen Strombedarf immer häufiger stundenweise komplett abdecken werden. Existieren bis dahin noch alle heutigen Grundkraftwerke oder werden in den nächsten Jahren neue gebaut, ist eine Verschärfung des Konflikts vorprogrammiert.

Um Schwankungen bei den Erneuerbaren Energien auszugleichen, werden statt solcher Kraftwerke in Zukunft flexible Varianten wie Gaskraftwerke oder KWK-Anlagen benötigt, die sich schnell an- und wieder zurückfahren lassen.

Bis jedoch negative Strompreise der Vergangenheit angehören, freuen sich Betreiber von Pumpspeicherwerken weiterhin, denn sie verdienen an ihnen doppelt: Die Abnahme überschüssigen Stroms lassen sie sich bezahlen, und pumpen mit diesem Wasser in ein höhere gelegenes Becken. Steigt die Stromnachfrage wieder, können sie durch talwärts fließendes Wasser Strom erzeugen, um ihn anschließend weiterzuverkaufen.