Lass uns darüber reden: Wie die Atomindustrie mit reißerischen Sprüchen ums Überleben kämpft
Das Deutsche Atomforum e.V. als Lobby der Atomindustrie verteilt knallbunte Postkarten mit reißerischen Sprüchen. Bei an Ökologie interessierten Menschen werden diese zu Verwunderung oder heftigem Widerspruch führen. Ein Kommentar von Christoph Jugel.
Wenn ich eine neue Ausgabe einer Zeitschrift und oder Magazins erhalte, dann schüttele ich meist zuerst die Werbebeilagen raus. Ein kurzer Blick darauf und –ab!– in den Altpapierkorb. Aus der aktuellen Ausgabe der brand eins ist mir heute eine Beilage in die Hände gefallen, die meine Aufmerksamkeit geweckt hat: In einem halbdurchsichtigen Umschlag steckten mehrere Postkarten. Die oberste, sichtbare war knallrot und zeigte den Spruch “Willst Du wirklich mit mir Schluss machen?”. Auf der Rückseite war ein kurzer Text und das Logo einer großen deutschen Lobby-Organisation.
Umschlag aufgerissen und gestaunt, gelacht, gewundert, Kopf geschüttelt. Es steckten vier knallbunte Postkarten darin, jede mit einem reißerischen Spruch auf der Vorderseite und einem kurzen Text auf der Rückseite. Wenige Tage vor dem großen Anti-Atom-Treck als Protest gegen die Atomindustrie wirken einige der Sprüche und die zugehörigen Erläuterungen auf mich doch eher sonderbar. Ich möchte Ihnen die Karten hier kurz zeigen und erlaube mir ein paar verwunderte Kommentare dazu…
Wir hatten doch eine so gute Zeit…
Seit fast fünfzig Jahren versorgt die deutsche Kernenergie die Republik sicher mit CO2-freiem Strom. Ein deutsches Kernkraftwerk erzeugt jährlich genug Strom, um im Schnitt 2,5 Millionen Haushalte oder 4.500 Krankenhäuser oder 22.000 Hallenbäder am Laufen zu halten. Und nun soll einfach so Schluss sein?
Mit Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie würde diese Erzeugungskapazität wegfallen. Können wir das verantworten?
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http://kernenergie.de/energieverantwortung
Ja, wir hatten eine gute Zeit. Gerade in den 1960er Jahren war die Kernenergie zweifelsfrei Teil des deutschen Wirtschaftswunders (als erstes deutsches Kernkraftwerk wurde 1960 das Kernkraftwerk Kahl in Betrieb genommen). Aber ob die fast fünfzig Jahre immer eine “so gute Zeit” waren, da sind bestimmt manche Bürger anderer Meinung (bspw. die Gruppen der in den 1970er Jahren entstandenen Anti-Atomkraft-Bewegung).
Sicher jedoch sind fünfzig Jahre eine lange Zeit. Vor allem wenn man bedenkt, dass in diesem halben Jahrhundert immer noch keine Lösung dafür gefunden werden konnte, wie der in Atomkraftwerken entstehende radioaktive Abfall (rund 400 Tonnen Atommüll jährlich allein aus deutschen AKW!) schadlos gelagert werden kann. Ein leider missglückter Anlauf war das “Versuchsendlager Asse II”: Asse war als Pilotprojekt für das geplante große Endlager im Salzstock Gorleben konzipiert und sollte “jahrtausendelang sicher” sein, ein “Wassereinbruch wäre ausgeschlossen”. Zwischen 1967 und 1978 wurden rund 126.000 Fässer Atommüll im ehemaligen Salzbergwerk eingelagert, doch schon rund 20 Jahre später drücken täglich rund 12.000 Liter Wasser in die Stollen. Von “Schluss machen” kann hier noch lange keine Rede sein, solange die Frage der Atommüll-Endlagerung nicht geklärt ist.
Mit 32 geht doch noch keiner in Rente!
Und unsere Kernkraftwerke sind gerade einmal Anfang 30, wenn sie jeweils in den Ruhestand geschickt werden sollen. Dabei sparen sie jährlich 150 Tonnen CO2 ein. Das entspricht in etwa der Menge CO2, die der gesamte deutsche Straßenverkehr verursacht.
Überall sonst auf der Welt laufen Kernkraftwerke viel länger, teilweise bis zu 60 Jahre. Wäre eine Laufzeitverlängerung nicht auch eine Lösung für unsere deutschen Kernkraftwerke?
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Schön, dass das Deutsche Atomforum den Vergleich zum Straßenverkehr aufbringt — gerade in Zeiten der Abwrackprämie (pardon: Umweltprämie) für Fahrzeuge älter als 9 Jahre. Sicher: Der vor 32 Jahren gerade vorgestellte Ford Granada II war schon eine richtige Oberklasse-Limousine und manch einer denkt noch heute wehmütig an seine “Erste Liebe in Blech – mein erstes blau-weißes Auto 1977“. Aber möchten Sie heute mit Ihren Kinden in einem Auto von 1977 fahren? Oder in einem Flugzeug von 1977 in den Urlaub fliegen? Nein?
Der Baubeginn der noch in Betrieb befindlichen deutschen Atomkraftwerke lag zwischen 1970 und 1982. Kein vernünftiger Mensch würde je behaupten, ein Auto wie der VW-411 von 1970 sei heute noch “sicherheitstechnisch auf dem aktuellen Stand” – selbst wenn er in der Zwischenzeit die Stoßdämpfer erneuert, die Bremsen gewechselt und Anschnallgurte nachgerüstet hätte (ach, wer fragt schon nach ABS, Airbags oder gar ESP?). Auch wenn das Kraftwerk regelmäßig gewartet und überprüft wird, spielt das Alter für die Betriebsicherheit eine wichtige Rolle: Je länger ein Atomkraftwerk in Betrieb ist, desto unsicherer wird es. Gerade in alten Reaktoren häuften sich in den letzten Jahren “meldepflichtige Ereignisse” — in der Regel ungeplante Abschaltungen durch Störungen oder Unfälle. Spitzenreiter in der von Greenpeace aus Daten des Bundesamt für Strahlensicherheit BfS zusammengestellten Liste aller meldepflichtigen Ereignisse in deutschen Atomkrafwerken 1965 bis 2008, sind die fast ausnahmslos die in den 70er Jahren gebauten Reaktoren, einziger Ausreißer eines jüngeren AKW ist der erst 1983 in Betrieb gegangene “Pannenreaktor” Krümmel (der schon bei Inbetriebnahme technisch veraltet war). Allerdings war das Jahr 2008 laut BfS-Jahresbericht 2008 (siehe Seite 52) mit nur 92 Störungen insgesamt glücklicherweise vergleichsweise ereignisarm; alle Meldungen 2008 erfolgten in der Stufe 0 (Ereignis unterhalb der Skala) oder Stufe 1 (Störung) der internationalen Bewertungsskala INES (International Nuclear Event Scale).
…und danke für die knusprige Steinofenpizza, für den kühlen Weißwein und für den packenden Film. Vielen Dank Backofen, vielen Dank Kühlschrank, vielen Dank Fernseher!
Vielen Dank, Kernenergie!
Ein deutsches Kernkraftwerk erzeugt jedes Jahr genug Strom, um rund um die Uhr 28 Millionen Backöfen, 50 Millionen Kühlschränke oder Fernseher am Laufen zu halten. So sorgt die deutsche Kernkraft in unserem Energiemix für viele wunderschöne Abende und spart dazu noch 150 Millionen Tonnen CO2 ein — und nun soll damit Schluss sein…
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Ja genau — und überhaupt wäre das ganze Date ohne Atomstrom bestimmt auch nur halb so prickelnd gewesen. Unbestritten ist, dass Atomstrom derzeit noch einen gewichtigen Anteil im deutschen Strommix ausmacht: 21 Prozent der allgemeinen Stromversorgung und sogar 45 Prozent des Grundlaststromversorgungsanteils im Jahr 2007 waren Strom aus Kernenergie. Dabei ist allerdings der Anteil der sieben ältesten AKW an der Gesamtstromerzeugung in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gesunken: Erreichte die Einspeisung der sieben ältestens Meiler im Jahr 2001 noch einen Spitzenwert von 8,9 Prozent, so fiel dieser Wert bis 2007 auf nur noch 4,8 Prozent. Aktuell sind bspw. 5 der 17 deutschen Kernkraftwerke vom Netz getrennt, darunter die “Alterspräsidenten” Biblis A (1974), Biblis B (1976) und Brunsbüttel (1976).
…denn gemeinsam geht doch alles viel besser. Während die deutsche Kernenergie rund um die Uhr Strom produziert, haben die erneuerbaren Energien genügend Zeit sich zu entwickeln.
Denn unsere Kernkraftwerke stehen voll im Saft und werden im internationalen Vergleich auf höchstem Sicherheitsniveau betrieben: Sie geben Deutschland Energie – preisgünstig, klimaschonend und zuverlässig. Und nun sollen sie eingemottet werden? Das soll mal einer verstehen…
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Länger zusammenbleiben? Aber ganz bestimmt, das liegt schon allein in der Natur der Sache. Genauer: in der Halbwertszeit der Stoffe, aus denen der Atommüll besteht.
Die Halbwertszeit ist vereinfacht gesagt die Zeit, nach der ein strahlender Stoff die Hälfte seiner radioaktiven Strahlung verloren hat. Atommüll besteht aus unterschiedlichen radioaktiven Nukliden, die sehr unterschiedliche Halbswertszeiten haben. Plutonium 239Pu hat bereits eine Zerfallsdauer von über 20.000 Jahren, Uran 235U braucht bereits hunderte Millionen Jahre, bis es zur Hälfte abgebaut ist. Zum Vergleich: Die Neandertaler haben bis vor etwa 30.000 Jahren gelebt. Hätten diese Vorfahren von uns kurz vor Ihrem Aussterben noch Atomkraftwerke betrieben und in Bergwerken verscharrt, wären diese Überbleibsel heute immer noch tödlich strahlend.
Zum Thema “Zeit für Erneuerbare Energien, sich zu entwickeln” ist vielleicht noch hinzuzufügen, dass sich diese “Entwicklungszeit” im Gegensatz zur Halbwertszeit von Atommüll überraschend schnell verkürzt. Nach einer Studie der Agentur für Erneuerbare Energien haben die meisten bisherigen Prognosen und Szenarien die Entwicklung der Erneuerbaren Energien deutlich unterschätzt. Fast alle untersuchten Ausbauprognosen sagen einen zu geringen Anteil der Erneuerbaren Energien am Energieverbrauch voraus. So fehlen in frühen Szenarien der 1980er Jahre heute (fast) allgegenwärtige Technologien wie Windkraft, Photovoltaik und Erdwärmenutzung. Aber auch Prognosen neueren Datums sind nicht notwendigerweise treffsicher: Die im Jahr 2005 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums veröffentlichten Werte für 2030 wurden zum Teil schon zwei Jahre nach Erscheinen der Studie übertroffen.






Wussten Sie, dass der Stromverbrauch im Haushalt überdurchschnittlich hohe CO2-Emissionen und Kosten verursacht? 









Ach ja: Natürlich fehlt hier noch der Hinweis, dass am kommenden Samstag 5. September 2009 in Berlin eine Großdemonstration gegen Atomkraft-Nutzung in Deutschland stattfinden wird. Wir werden natürlich noch einen ausführlichen Artikel bringen — wer sich schon vorab informieren möchte, kann das hier tun:
http://www.ausgestrahlt.de/aktionen/anti-atom-demo-59.html
http://www.anti-atom-treck.de/
Danke für die Kommentierung der “Postkarten”. Hatte mich bei der Beilage zur BrandEins auch sehr gewundert. Diese Imagekampagne ist fast so gut wie die Plakate der Atomlobby “Klimaschützer der Woche”.
Oh ja, über die Plakate “Klimaschützer” hatte ich mich auch ziemlich gewundert — vor allem, wenn man trotz all der wunderschönen Aufnahmen von Atomkraftwerken inmitten der idyllischen deutschen Landschaft auch daran denkt, wie die Landschaften in den Uran-Abbau-Gebieten aussehen… :-/
In der Zeit von letzter Woche hatte übrigens Magdalena Hamm einen witzig-bösen Kommentar zu den Postkarten geschrieben (kann ich online aber leider nicht finden). Und auch der Zunft[blog] (http://blog.zunftnetz.org/?p=1427) nimmt die Frage “Willst Du wirklich mit mir Schluss machen?” gerne auf (und hat eine eindeutige Antwort).
Hai i’m new here and would like to introduce myself
I’m from Luxembourg and come to this forum from search engine.
Nice to meet you all :)
[...] zum Protest gegen Kernenergie und die ums Überleben kämpfende Atomindustrie (siehe bspw. den Kommentar zur Kampagne der Lobby-Organisation Deutsches Atomforum) zusammen gekommen. Viele der Teilnehmer waren ausgesprochen fantasievoll und bunt kostümiert – [...]