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Skyfarming: Landwirtschaft bald auf zwanzig Etagen?

Mittwoch, 14. Juli 2010 - Anbau in Hochhäusern soll Problem der steigenden Landpreise sowie Klima- und Umweltbelastungen lösen.

Reis wird in Zukunft nicht mehr nur auf überfluteten Feldern wachsen, sondern auch in bis zu 50 Meter hohen Gewächshäusern. Diese Vision des “Skyfarming” verfolgen Agrarforscher der Universität Hohenheim. In der vorigen Woche luden sie Experten aller relevanten Fachrichtungen ein, um Chancen einer Verwirklichung und nötige Schritte bis dorthin zu diskutieren.

Reis am laufenden Band

Ein Hintergrund der Idee sind steigende Landpreise. “Insbesondere in Afrika werden große landwirtschaftliche Flächen aggressiv aufgekauft. Die Böden versalzen und die Bevölkerung wächst”, so der Agrarökologe Jörn Germer. Zudem belastet die Landwirtschaft Umwelt und Klima in hohem Maße. So entstehen etwa bei der Reisproduktion enorme Mengen Methan, da die Überflutung der Felder Gärungsprozesse auslöst. Weltweit braucht Reis derzeit jährlich 700 Mio. Tonnen Frischwasser auf einer Anbaufläche von 157 Mio. Hektar.

Diese Probleme möchte Skyfarming mit Gewächshochhäusern in Angriff nehmen. Für Reis ist ein Transportband vorgesehen, in dessen kleinen Öffnungen keimfreie Reissämlinge wachsen. Unterhalb des Bandes sprießen die Wurzeln in einem Dunkelraum und werden dort im Sekundentakt mit Nährlösung besprüht. In 120 Tagen wandert die Pflanze mit dem Band durch alle Etagen und kann dann geerntet werden. Ein geschlossener Kreislauf soll Wasser- bzw. Nährstoffverluste minimieren, und selbst Krankheiten und Schädlinge ohne Pestizide vorbeugen. Reis braucht zum Wachsen 1,50 Meter Lichtraum und einen Meter Wurzelraum. Bei 20 Etagen, die die Forscher anpeilen, wäre das eine geschätzte Gesamthöhe von 50 Meter.

Skyfarming: Bis zu 100-fach größerer Ertrag

Neu sei die Idee nicht, doch widmeten sich ihr laut Germer bisher lediglich Architekten und Städteplaner, deren Prototypen wegen einseitiger Ausrichtung scheiterten. Man konzentrierte sich ihm zufolge etwa auf Edelprodukte, vernachlässigte Bedürfnisse der Pflanzen oder baute mehrere Sorten gleichzeitig im geschlossenen System an. Sorgfältig geplant könnten Grundnahrungsmittel wie Reis, Früchte oder Algen jedoch in Gewächs-Hochhäusern durchaus die bis zu 100-fache Ertragsmenge auf gleicher Fläche liefern.

Es kann funktionieren, wenn wichtige Fragen gelöst werden, so das Resümee der Experten bei der Veranstaltung in Hohenheim. Dazu gehöre etwa die Lichtproblematik: Nährstoffe und Wasser seien bei mehrstöckigem Anbau relativ problemlos transportierbar, die Lichtversorgung und -nutzung brauche jedoch neue technische Lösungen wie etwa LED. Es seien aber auch negative ökologische Wirkungen zu erwarten, weshalb das Skyfarming den gesamten Zyklus der Pflanzen und Ressourcen zu berücksichtigen habe.

Germer forderte von den Forschern eine schärfere Formulierung des Ziels der Skyfarming-Vision: Dieses bestehe entweder darin, die landwirtschaftliche Produktion zu steigern und damit die Welt besser zu ernähren, oder Transportkosten durch Produktion in Stadtnähe zu minimieren. Auch die lebenswertere Gestaltung von Städten könne angestrebt werden. Jedes Ziel brauche aber andere Strategien.