Kurzdarstellung:
„Ich konsumiere, also bin ich (ein Subjekt)“, das ist laut Zygmunt Bauman das Leitmotiv der Konsumgesellschaft, in der wir leben. In seinem Buch mit dem mehrdeutigen Originaltitel „Consuming Life“ legt er ausführlich dar, inwieweit das westliche Gesellschaftsmodell auf Konsum basiert, und zwar nicht nur auf Konsum von Waren, die man in einem Kaufhaus erwirbt.
Denn die Menschen bieten sich selbst auf dem Markt an, sie sind zugleich Vermarkter von Waren und Waren, die sie vermarkten.
Dies wirkt sich in den verschiedensten Lebensbereichen aus: So sind laut Bauman auch alle zwischenmenschlichen Beziehungen nach Vorbild und Muster der Beziehungen zwischen Konsumenten und Konsumgütern gestaltet, bspw. zu beobachten bei Partnerbörsen im Internet.
Hier werden die potentiellen Partner wie eine Ware begutachtet: Das Profil, also die Eigenschaften der Ware, wird begutachtet, es wird geprüft, ob es zu dem eigenen Profil passt, und wie es mit dem „Haltbarkeitsdatum“ aussieht. Dabei erfolgt kein persönlicher Kontakt zwischen dem Nutzer solcher Kontaktbörsen und den Menschen, deren Profile gelesen werden. Dies hat den Vorteil, wie beim Produktkauf, keiner lebendigen Person in die Augen zu schauen zu müssen, und dadurch auch etwas von sich preiszugeben. Bauman spricht in diesem Kontext vom allmächtigen Subjekt (das zu jeder Zeit über die totale Kontrolle verfügt), welches einem völlig passiven Objekt, einer Ware, gegenübersteht.
Die Konsumgesellschaft charakterisiert er zugleich auch als Abfallgesellschaft. Menschen akzeptieren in der Regel die kurze Lebenserwartung der Produkte, und entsorgen diese schnell wieder, um erneut zu konsumieren. Durch diesen Kreislauf erhoffen sie sich eine in ihrem zeitlich begrenzten Leben unendliche Zahl an Neuanfängen, die ihnen durch einen permanenten Konsum versprochen wird.
Dabei ist die vermeintliche Freiheit, das Du-kannst-Dir-alles-kaufen-was-Du-möchtest, nur eine scheinbare, da sich die Wahlfreiheit auf die Dinge, die angeboten werden, beschränkt. Zudem beruht sie auf gesellschaftlichem Druck: Der Bürger wird gezwungen, frei zu sein.
Rezension:
Das facettenreiche Buch empfiehlt sich nicht als leichte Lektüre für zwischendurch. Aber auf alle, die ein gewisses Interesse an Soziologie und Kulturwissenschaft mitbringen, wartet ein spannendes und lehrreiches Werk, das dazu anregt, über das eigene Konsumverhalten nachzudenken, und Prinzipien unserer Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. So herrscht der Glaube vor, Konsum sei etwas Naturgegebenes, und viele Dinge müssten nach einer bestimmten Zeit weggeworfen werden bzw. seien einfach nicht mehr zu verwenden. Eine Konsumgesellschaft misst sich für Bauman auch in gewisser Weise daran, wie viel Abfall sie produziert.
Dass es auch anders geht, zeigen alternative Ansätze (Stichwort: sustainable design), die schon bei der Entwicklung eines Produkts auf Nachhaltigkeit bzw. Langlebigkeit Wert legen. Ziel ist es dabei, neben einer möglichst langen Verwendungsdauer das Produkt so zu gestalten, dass es nicht nur einmal, sondern viele Male recycelt werden kann. Solche Ansätze werden allerdings im Buch leider nicht erwähnt.
An einigen Stellen sind sehr pessimistische Töne zu hören, wenn etwa der Verlust der sozialen Fähigkeiten durch die Konsum-Mentalität kritisiert wird, da die Mitmenschen nur als Objekte bzw. Waren gesehen werden, und auch provokative, wenn Bauman z.B. behauptet, die Armen würden nicht gebraucht und wären unerwünscht, da sie nicht konsumierten.
Auch hat sich nach Erscheinen des Originals 2007 einiges ereignet: Etwa die Finanzkrise, die den Menschen weltweit Probleme und Nachteile einer Konsumgesellschaft vor Augen geführt, und Rufe nach einem neuen Gesellschaftsmodell hat laut werden lassen, das nicht auf einer berechnenden Konsummentalität basiert.
Nichtsdestotrotz ist das Buch empfehlenswert, und als anspruchsvoller Einstieg in das Thema „Konsum und Nachhaltigkeit“ geeignet.
Mehr zu den Themen „Nachhaltigkeit“ und „sustainable design“ erfahren Sie in unserem Beitrag Kurzfilm FLOW über Verschwendung natürlicher Ressourcen.

Leben als Konsum von Zygmunt Bauman
Erschienen im September 2009 bei Hamburger Edition
ISBN: 3868542116, 204 Seiten für EUR 15,00


Eine Stadt macht blau – Boris Palmer 








