Guerilla Gardening – Protest mit Primel und Schippe

Guerilla Gardening - Protest mit Primel und Schippe Kreativität, Spontanität und die Affinität zur Natur treiben vermehrt junge Leute auf die fahlen Grünflächen der Städte. Ihr Anliegen: Mit Guerilla Gardening mehr Farben und Pflanzen für eine lebensfreundlichere Umwelt in ihrem Kiez.

 

Für eine freundlichere Umwelt

Haben Sie sich schon einmal gefragt wie die Sonnenblume auf den Mittelstreifen gelangte? Zufall? Immer häufiger auch pure Absicht! Vernachlässigte Flächen gibt es zur Genüge. Ein Baum im sandig-trockenen Betonloch, ein vergessener Blumenkübel oder diverse Brachflächen der Stadtalleen. Wildgärtner verwandeln diese öden Sandlöcher und Verkehrsinseln in Blumenbeete oder in abgelegenen Bereichen sogar in Gemüse- und Nachbarschaftsgärten und individualisieren dabei ihre Umwelt. Dabei geht es nicht darum einen typischen Schrebergarten anzulegen, denn Spießertum und preußischer Ordnungssinn sind nicht gefragt.

Trostlose Bauminseln

Diese Baumscheibe verdient mehr Aufmerksamkeit.

Diese Baumscheibe verdient mehr Aufmerksamkeit.

Jeder kennt sie, die meisten Passanten nerven sie – die trostlose Bauminseln („Baumscheiben“, der Bereich rund um den Baumstamm), die zu Hunde-toiletten verkommen und deren Sandkrusten so hart sind wie tertiäre Sedimente. Doch auch viele private Hinterhöfe oder Vorgärten vertrocknen, verwahrlosen und versinken im Müll, weil niemand sich zuständig fühlt.

Grund genug selbst tätig zu werden und mit Kreativität der persönlichen Umwelt beizustehen. Dies dachte sich auch Richard Reynolds und begann 2004 heimlich und ohne Genehmigung Londoner Ödflächen zu bepflanzen oder eintönige Rasenstücke aufzuhübschen. Bereits in den 70er Jahren gab es eine Bewegung, die Stadt New York illegal begrünte, mit Richard Reynolds feierte diese ein Revival. Daraus entstanden viele lokale grüne Bewegungen, die teils politisch, teils aus reiner Freude am Hobby – mit oder ohne Genehmigung – öffentliche Flächen begrünten, individualisierten und pflegten und auch heute regen Zulauf finden.

Dabei sind die Aktionen meist klein und unorganisiert und wer sich daran beteiligen will, findet auch im Internet nur wenig regionale Informationen. Ein mögliches Kontaktforum ist Guerrillagardening.org, der Link verweist auf die entsprechende Forums-Seite der deutschen Städte. In diversen Online-Communities wie Facebook gibt es Gruppen zum Guerilla Gardening, einfach suchen oder neu gründen, denn Wildgärtner finden sich zumeist im Freundeskreis zusammen und erobern Bauminseln inkognito.

Guerilla Gardening – Gesellschaftskritik und Hobby

Heute gibt es Pflanzen-Guerillos in vielen Groß- und Mittelstädten, in Metropolen wie New York und London, aber mittlerweile auch in vielen deutschen Städten. Die Motivation ist unterschiedlich. Einige Pflanzen-Einsatztruppen setzen Disteln und Brennnesseln auf Golfplätze, um auf den dekadenten Landschaftsverbrauch hinzuweisen.

Pimp my Mittelstreifen

Pimp my Mittelstreifen

Manche pflanzen bunte Blumenbeete in Symbolformen, wie das Peace-Zeichen. Umweltaktivisten forsten auf, auch gern vor großen Werbetafeln oder säen Weizen auf Verkehrsinseln. Derartige Aktionen sind vordergründig provokant und die Aktivisten treten gern als „Störer“ auf, wie es im polizeisprachlichen Jargon heißt.

Andere hingegen genießen es, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion etwas “Verbotenes” zu tun, das jedoch überwiegend moralische Zustimmung findet, Spaß macht und das Umfeld aufwertet. Dabei ist Guerilla Gardening oft weniger Kunst als Handwerk und Körpereinsatz. Wer einmal Unkraut gejätet hat, kennt den Muskelkater in Oberschenkeln und Hintern oder die Schmerzen im Rücken.

Guerilla Gardening ist illegal, denn nur wer eine Genehmigung der Stadt besitzt, darf öffentliche Flächen bepflanzen. Deswegen finden Blitzpflanzungen an öffentlichen Orten meist nachts statt. Leider vertrocknen viele Beete recht häufig und schnell aufgrund mangelnder Pflege.

Wildwuchs oder Wildgärtnern?

Wildwuchs oder Wildgärtnern?

Wer langfristig an seinem Projekt “Rückeroberung der Straße” Freude haben will, sollte direkt vor der eigenen Haustür oder dem Hinterhof beginnen. Dort können die Beete unkompliziert gepflegt werden, und Frau Müller aus der zweiten Etage hält sicherlich auch ein Auge darauf. Allerdings sollten Wildgärtner darauf achten, dass es sich um ungiftige und einheimische Pflanzen handelt. Kleiner Tipp: Wenn Sie Ihr freundliches Beet an der Straßenecke vor ungebetenen Gästen schützen wollen, bauen Sie einen kleinen Zaun drum herum.

Ist eine geeignete Stelle gefunden, wäre es hilfreich sich kurz über die Lichtverhältnisse und den Untergrund (meist sandig) einen Überblick zu verschaffen. Davon hängt schließlich ab, wie langlebig das Beet sein wird. Besser ist, Sie kaufen noch einen Sack Blumenerde, da diese meist nährstoffreicher als die Erde der Baumscheibe ist. Nützliche Tipps für die passende Pflanzenart oder Sämereien gibt die “Grüne Welle”.

Wohin in der Mittagspause? In den Guerilla Garten!

Mittagspause. Das Wetter ist wunderbar und das belegte Brötchen schmeckt an der frischen Luft viel besser. Der Entspannungsfaktor steigt gleichwohl. Doch die Suche nach einer erholsamen Parkbank oder einem grünen Hinterhof gestaltet sich in vielen Stadtteilen schwierig. Viel zu oft muss Gemütlichkeit bezahlt werden, sei es in einem Straßencafé oder einem Restaurant. Kleine Idyllen oder zumindest lauschige Ecken, die kostenlos zur Verfügung stehen, werden immer seltener. Und doch, manchmal entdecken Sie in einer grünen Ecke eine selbst gezimmerte Bank aus Ziegelsteinen und einem Brett, und mit etwas Glück erwischen Sie darauf einen Anzugträger, der ein Nickerchen hält.

Gänseblume im Mauerspalt, Wichtel am Werk.

Gänseblume im Mauerspalt, Wichtel am Werk.

Abhilfe für mangelndes Grün in Ihrem Wohnumfeld können Gemeinschaftsgärten bieten. Diese gibt es auf Privatgrundstücken als gemeinsame Nachbarschafts-projekte oder auf besetzten bzw. zuvor verlassenen, brachen Flächen. Einfach den Vermieter ansprechen oder eine vernachlässigte Fläche begrünen. Sämereien gibt es bereits für wenige Euro im Supermarkt.

Der „Rosa Rose Garten“ im Berliner Friedrichshain war ein solches Beispiel. Fünf Jahre lang kümmerte sich ein engagiertes Team mit grünen Daumen um ein verödetes Stück Land und schuf einen idyllischen Zufluchtsort für jedermann. Das alternative Konzept fand regen Zuspruch, stieß allerdings auch auf einige Miesepeter. Leider wurden nun die Besitzverhältnisse des besetzten Grundstückes „geklärt“. Am 18. Juli 2009 zog der beliebte Nachbarschaftsgarten Rosa Rose um. Die Wildgärtner packten ihre sieben Sachen und schlugen hinter einer verlassenen Schule neue Wurzeln – mit Genehmigung.
Mit Sicherheit gibt es in Berlin weitere Grundstücke, die eines Grünen Daumens bedürfen.

Das  zurückgebliebene Grundstück der Rosa Rose zum Beispiel ist heute kaum mehr als Garten zu erkennen und Müll säumt wieder den Gehweg. Vielleicht finden sich neue Gartenkobolde? Die Kinzigstraße jedenfalls ruft nach ihnen.

Kurz & Knapp

Guerilla Gardening verzichtet auf große Konzepte, vielmehr sind es Ad-hoc-Aktionen und kleine Erfolge wie Primeln auf einer Baumscheibe, die typisches Wildgärtnern kennzeichnen.

Politische Statements und Kritik an der Gleichgültigkeit unserer Gesellschaft, aber auch einfach Interesse an einer lebensfreundlicheren Umwelt sind die Motivationen der Wildgärtner.

Guerilla Gardening macht glücklich – sowohl die Schwarzgärtner als auch die Passanten.

Weiterführende Links

Die Zeit – Die Gartenpiraten

Richard Reynolds – Guerillagardening.org

Econitor Buchtipp: Richard Reynolds – Guerilla Gardening

1 Kommentar
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  1. Oh ja, gerade hier in Berlin gibt’s wirklich viele Ecken, die eine “grüne Aufhübschung” verdient hätten (oder müsste man eher sagen: nötig hätten). Und hier gibt’s auch schon viele kleine Straßenrand-Beete, mit denen engagierte Nachbarn ihrem Viertel mit Grünpflanzen und schönen Blumen neues Leben eingehaucht haben.

    Danke für den schönen Artikel, Anne — macht Lust zum mitmachen! Lass uns in einer der nächsten Econitor-Teamrunden gemeinsam mit allen überlegen, ob wir nicht bei uns am Haus ein kleines Eckchen bepflanzen können! :-)

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